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Professor P. 84 - Funk Up Your Faszien

Professor P.’s Rhythm & Soul Revue

Funk up your Faszien

Professor P.’s Rhythm & Soul Revue

Der Professor tanzt auf warmen Wollsocken zu neuen Werken von Curtis Harding, My Baby, D/troit, Miss Emily und Karl die Große.

Nun denn … Okay, so weit wären wir. Das „Nun denn“ steht. Und nach einem „Nun denn“ mag einiges kommen. Eine Schlussfolgerung. Eine Reaktion auf etwas Vorangegangenes. Je nach Betonung kann etwa Ungeduld oder Erleichterung ausgedrückt oder auch der Weg für eine einleitende Feststellung geebnet werden. Und wer jetzt ob der ungewohnt gymnasiallehrerhaften Semantik denken mag, der Professor habe ein Praktikum in der Duden-Redaktion oder beim Deutschen Verein zur Förderung der Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung absolviert, dem möchte ich mit zwei Songzeilen der fast vergessenen Spätsechziger-Beatband The Human Beinz antworten: „No-no, no, no, no-no-no, no, no-no, no, no-no – nobody can do Boogaloo like I do.“ Denn natürlich macht der Professor einen weiten, weiten Boogaloo um jeden Duden und jeden Oberstudienrat und jede Oberstudienrätin. Ich bin mein eigener Duden, my own studienrat, if ya all know what I mean. Diese kleine Rhythm-and-Soul-Revue im feinen Analog-Kompendium FIDELITY ist so etwas wie eine sprachwissenschaftliche Enklave in ansonsten regelkonformer Publikation. Ein Piratensender des Souls – Lord, have mercy –, weit draußen in dystopischer Syntax-Diaspora, wo der Professor sein Dasein freigeistfristet. Darunter zu leiden hat mitunter nur Helene, ihres Zeichens dem Duden verpflichtete Schlussredakteurin mit großem Herzen. Sie muss auch jetzt wieder abwägen, ob das eben erst erschaffene Tu-Wort „freigeistfristen“ überhaupt als Verb durchgehen darf. Aber wo waren wir? Beim „Nun denn“, das sich übrigens auseinander schreibt, wie mir eine Internet-KI erklärte und dabei kostenlos obenstehenden Semantik-Scheiß mitlieferte (und jetzt frage ich mich: schreibt man „auseinander schreibt“ zusammen?). Was ich ja eigentlich sagen will: Bis eben wusste ich nicht, wie ich diesen Text hier anfangen sollte. Zu viel ist passiert. Der Professor war auf Konzerten, oh boy. My Baby aus Holland: Cola-Sprite-Fantastico! Curtis Harding, ein von mir und der Missus geliebter Soulbruder aus Atlanta, Georgia: erstaunlich lahm. Jah Wobble’s Invaders of the Heart aus den Spätachzigern: Bombastico, inklusive Post-Punk-Weisheit – Setlist ist bourgeois … Während mir da also derzeit unsortierte Bilder, Noten, Songfetzen durch das Oberstübchen wehen, war es mir bis eben unmöglich, geeignete Worte für den Anfang dieses Text zusammenzuklauben. Nun denn: Das Problem hat sich von selbst gelöst.

Curtis Harding – Departures & Arrivals: Adventures Of Captain Curt

Professor P. 84 - Funk Up Your Faszien

Oh ja, man war aufgeregt. Früh gekommen war er, der Professor, hatte sich direkt vor der Bühne platziert. Passiert bei ausverkauften Konzerten nicht mehr oft, muss ich sagen, meine Moshpit-Zeiten neigen sich dem Ende zu … Aber Curtis Harding, den wollte man doch einmal aus nächster Nähe erleben. Selten solch ungefilterte, pure Begeisterung aus eigener Hypophyse sprudeln verspürt, insbesondere beim wirklich großen vierten Werk, Departures & Arrivals: Adventures Of Captain Curt. Leider aber trat zunächst ein junger Mann auf die Bühne, der zu Keyboardkleister süßlichste Töne hauchte, die, wenn sie keine Töne wären, als Liebesapfelglasur auf dem nahen Jahrmarkt hätten taugen könnten. Zudem muss ich sagen, dass es mich natürlich grundsätzlich nicht stört, jeder Mensch soll sich den eigenen Impulsen gemäß entfalten dürfen, aber dann doch irgendwie irritierte, als aus tiefstsitzender Cargohose ein rosafarbener Stringtanga hervordrängte, der Fitnessstudio-geformte Oberkörper in ein weißes Unterhemdchen der Kindergröße 80 oder 86 gezwängt, und all dies circa 80 Zentimeter von der Gleitsichtbrille des Professors entfernt um den Mikrofonständer groovte wie die Schlange Ka um einen Dschungelbaum … Well, the times, they are a-changing. Leider erreichte auch Curtis Harding an diesem Abend nicht das Herz des Professors. Stoisch arbeitende Musiker, ein flirriger Frontmann – nach kaum einer Stunde war der Zauber vorbei. Aber dies soll gesagt sein: Das neue Album ist sehr gut, nein, sehr, sehr gut. Einst sang der Mann im Background von The Roots und Lauryn Hill und war im Studio dabei, als Gnarls Barkley den Welthit „Crazy“ aufnahmen. Vor bald zehn Jahren erlebte er seinen eigenen Durchbruch mit Face Your Fear. Das klang wunderbar nach orangebraunem Kordsofa, nach Lavalampe und nach verrauchten Soulnächten in den Siebzigern. Diesem Sound bleibt Harding treu. Er mischt den Gospel seiner Heimat Georgia – seine Mutter war singende Wanderpredigerin, die mit dem Sohn einst von Kirche zu Kirche zog – mit Soul, Funk und Rock. Das neue Album wurde in Texas aufgenommen, im Studio des Gründers, Sängers und Komponisten der Black Pumas, Adrian Quesada. Als Anspieltipp müsste ich jeden einzelnen Song aufführen. Fangt einfach von vorne an, bei „There She Goes“ (luftig-leichtes Souldings, das an Hair, an Bobby Womack und an die Delfonics erinnert, mit sanften Streichern und druckvollem, warmem Bass), und hört nicht auf, bis Ihr „Running Outta Space“ (mild swingende Melodie, melancholische Grooves, ein kleiner, feiner Song) gehört habt.

Label: Anti
Format: CD, LP, DL 24/96

www.curtisharding.com

My Baby – Echo

Professor P. 84 - Funk Up Your Faszien

Und wieder direkt vor der Bühne. In einem Etablissement, das im Pleistozän der Hafenviertelverruchtheit der Lagerung von Branntwein diente, später dann zur Aufarbeitung der Geschichte der Pornografie. Die Vibes grooven hier am St. Polarkreis auf der richtigen Frequenz, Freunde. Meilenweit entfernt vom Musik-Mainstream, und den Junggesellenabschieden doch wieder so nah, wie ein melancholischer Mississippi-Moskito spucken kann. Der Professor kippte ein Kühles ins System, ein grünes Fläschchen aus der Heimat der Poffertjes und der orangefarbenen Holzklotschen. Denn das Trio vorn auf niedriger Bühne, das kommt aus dem Amstel-Delta, obwohl die Gitarre nach Mississippi-Schwüle klingt. Archaischer Slidestyle wie von Elmore James, südstaatenpsychedelisch wie einst bei Duane Allman. My Baby – Schwester am Bass und Gesangsmikrofon, Bruder am Schlagzeug plus neuseeländischem Mittelerde-Hippie an der Gitarre – spielen etwas, das man selbst als Psychedelic Blues Trance bezeichnet. Da werden Funk-Riffs, Deltablues-Akkorde und Housemusik-Loops mit Tribal-Fetzen und viel, viel Soul zu einer magisch mäandernden, munteren Melange vermorpht. Live ist das ein Erlebnis, das man sich besser mal gönnen sollte, bevor Petrus später fragt und man wegen eines „Leider nein“ dann doch in die Hölle hinabfährt. Aber auch die Platten dieser Gruppe sind gut fürs Seelenheil. Über die Jahre hat man sich vom rau gehauenen Blues-Techno des Debüts My Baby Loves Voodoo über unter anderem das grandiose Werk Shamanaid und das afro-behauchte Prehistoric Rhythm zu einer perfekt geölten Groove-Maschine entwickelt. Der Professor sagt: Echo, das sechste Studioalbum, gehört in jeden Plattenschrank. Schwingt die müden Keulen von der Chaiselongue, schließt die Augen und let it go. Schon der erste Song, das Titelstück, trägt alles in sich, was diese kleine Wahnsinnsband ausmacht: One-two, one-two, Drumsticks zählen vor, Trommelwirbel, eine sehr reduzierte Königin der Nacht singt kleine Soul-Koloraturen, eine Melodie schält sich aus stimmigem Intro, da winkt der Blues, grüßt der Funk, schnurrt der Soul und wummert leise die House-Disco. Folks, funk up your Faszien!

Label: SO Recordings
Format: CD, LP, DL 24/44

www.mybabywashere.com

D/troit – Instrumentals Volume 1

Professor P. 84 - Funk Up Your Faszien

Der Professor sitzt auf der Veranda seiner Shotgunbude. Ein kalter Wind weht aus dem Norden, irgendwo klappert eine lose Dachschindel. Der dreibeinige Kater liegt im Schoß. Drinnen bollert der Ofen, der alte Schaukelstuhl hier draußen wirft lange Schatten im Licht der Flammen, das durch fahle Fenster auf verblichene Holzplanken fällt. Ich stehe auf, schnappe mir den knurrenden Fellklumpen, gehe rein. Im alten Digitalgrammophon liegt eine CD, früher am Tag vom Ponyexpress über den winterlich zerzausten Knick geworfen. Jetzt ist es spät. Wie ist die Welt so stille, und in der Dämmrung Hülle, so traulich und so hold, als eine stille Kammer … Halt!‘, brüllt es da in des Professors linker Hirnhälfte, zuständig für Textverarbeitung, ,haltet ein, Matthias Claudius!‘ Und die rechte Hirnhälfte übernimmt, zuständig für Musikgenuss und Emotionen. Die CD startet und beginnt mit einem lauten Tusch von Gitarre, Drums und Bass, bevor sich eine entzückend swingende Melodie entfaltet, die nach Soul und nach entschleunigtem Funk klingt, nach der funky Verspieltheit alter Blake-Edwards-Filme, nach semi-melancholischer Moll-Stimmung. Ein perfekt plärrendes Vibrafon treibt das Stück voran, „Ruckenbiel“ heißt es, der Drummer trommelt, als werde hernach ein Clyde-Stubblefield-Gedächtnis-Preis verliehen. Das ist der Vorteil von Instrumentals, man gibt sich ganz und gedankenlos der Musik hin. So wie der Professor gerade eben, als er in Wollsocken über winterkalten Fußboden quicksteppte. D/troit aus Kopenhagen habe ich Euch, liebe Freude des Funk, vor Jahren bereits einmal hier vorgestellt, 2017 zur Veröffentlichung ihres Debüts Soul Sound System. Jetzt haben dä Dienen, äh, die Dänen wieder ein wirklich großes Werk eingespielt, und das nur aus Verlegenheit. Während Sänger Toke Bo Nisted ein Sabbatical im Olymp verbrachte und in Athen Retsina verkostete, traf sich die zum Quartett geschrumpfte Gruppe im Studio am Rande der skandinavischen Enklave Christiania und spielte ein beeindruckend abgeklärtes Instrumental-Album ein – mit einer Ausnahme, für den Song „Pick It Up (Lay It Down)“ trat Nisted wohl im Rahmen eines Heimaturlaubs doch ans Mikrofon. Die vier Musiker – schon vor Gründung von D/troit arbeitete man in diversen Punkbands zusammen – sind perfekt eingespielt, ganz so, als habe man zwanzig Jahre lang James Brown begleitet. Wie man einst vom Punk zum Funk fand, nun, das will der Professor jetzt gar nicht wissen. Er will tanzen: Zur frischen Funk-Interpretation des Knight Rider-TV-Serienthemas („Supercar Sigla“), zum groovenden „Høns“ (das so klingt, als schleppe jemand ein Vibrafon durch die Dünen von Westjütland) und zur großartigen Reanimation des längst verblichenen französischen Euro-Disco-Hits „El Bimbo“ der One-Hit-Wonder-Formation Bimbo Jet. No further words necessary.

Label: International Anthem
Format: CD, LP, DL 24 / 48

www.dtroit.dk

PS: Ah, doch: Gerade gab es eine zweite Veröffentlichung von D/troit, die EP The Whammy Session (Label: Crunchy Frog; CD/LP/DL 24/48). Darauf finden sich Live-Versionen von sechs der Instrumentalstücke, aufgenommen in einer Bar in Kopenhagen. Darunter ist zum Glück auch das fantastische, nach Tarantino-Coolness klingende „Hernandez“.

Miss Emily – The Medicine

Professor P. 84 - Funk Up Your Faszien

Als Emily Fennell aus Prince Edward County, Ontario, Kanada, mit 12 Jahren auf der Bühne eines Musikwettbewerbs in der Kleinstadt Picton stand und dem vermutlich überraschten Publikum nicht die hundertste Version von „Somewhere Over The Rainbow“ mit piepsigem Kindersopran darbot, sondern „Three Cigarettes In An Ashtray“ von Patsy Cline, und zwar nicht in der süßlichen Originalversion, sondern in K.D. Langs orchestraler, Stimmvolumen fordernder Bombast-Interpretation, da ahnte sicher so dieser und jener Zuschauer: Das könnte was werden … Und es ward. Emily erklomm jede Bühne in ihrer Heimat, und das waren einige, denn die Gemeinde Prince Edward County hat zwar viele Einwohner, aber keine große Stadt. Selbst die „Metropole“ Piction zählt weniger als 5000 Einwohner. Ein Dorf liegt hier neben dem nächsten, und offenbar in jedem steht irgendwo ein Mikrofon. Tja, das ist nun ein paar Jahre her. Emily Fennell nennt sich mittlerweile Miss Emily. Sie singt den Blues, den Soul und den Folk, und das alles so tiefenpsychologisch fundiert, dass der Professor spontan von allen Seelenverwerfungen kuriert scheint. Kurz vor Ende des Jahres hat Miss Emily ihr viertes Album The Medicine veröffentlicht. Und das ist, der Professor hängt sich mal weit aus dem Wohnzimmerfenster, eines seiner Alben des Jahres 2025. Produziert wurde das Werk von Colin Linden. Der spielte selbst auf 500 Alben, unter anderem Gitarre auf dem Soundtrack von O Brother, Where Art Thou?. Er ist ein enger Buddy, soweit das möglich ist, von Bob Dylan und konnte für dieses Album hier George Receli an den Drums verpflichten, Dylans langjährigen Schlagzeuger. An der Hammondorgel saß Michael Hicks, Weggefährte von Bluesman Keb’ Moe, am Bass stand David Santos, Rhythmusgeber von Billy Joel, Elton John sowie Crosby, Stills and Nash. Freunde, ich habe hier seitenweise handschriftliche Notizen zu jedem Song, der Professor hört für Euch ja immer sehr genau hin. Ich könnte nun noch einiges von mir geben zum perfekten Zusammenspiel, zur warmen Umarmung von Orgelklängen, zum jazzig-funkigen Schlagwerkbeat und zu einer Stimme, der man fern von den Folkfestivals in Prince Edward County nicht oft begegnet. Aber wisst Ihr was? Lasst Euch überraschen.

Label: Gypsy Soul Records
Format: CD, LP, DL 24/44

www.themissemily.com

Karl die Große – Aufgehoben

Professor P. 84 - Funk Up Your Faszien

Normalerweise seht Ihr vom Professor nurmehr den kahlen Hinterkopf, sehr schnell kleiner werdend, während er über Stock, Stein und Meeresweiten flieht, wenn eine Person, die sich zum Singer-Songwriter-Dasein berufen fühlt, mit einem selbstgewriteten Song um die Ecke gekommen ist, der zum Beispiel den bedeutungsschwanger-naiven Namen „Zielloses Blatt im Wind“ trägt. Es gibt aber eine Ausnahme zu diesem zugegeben recht bornierten Verhalten. Wenn nämlich der Künstler oder die Künstlerin selbst einen wirklich coolen Namen hat. Der Professor, kleiner erzählerischer Seitenstrang, treibt sich hin und wieder auf der Pferderennbahn herum und setzt dort ausschließlich den Betrag von zwei Euro auf Sieg, auf Pferde mit schrägen Namen. In dieser Gemengelage also fand sich plötzlich doch das Werk Aufgehoben auf dem professoralen Plattenteller, und damit auch der Song „Zielloses Blatt im Wind“ der Band mit dem wirklich großen Namen „Karl die Große“. Dahinter verbirgt sich mittlerweile nur noch eine Frau, die den normalen Namen Wencke Wollny trägt. Früher, da war Karl die Große einmal ein sogenanntes „Indie-Pop-Phänomen“ einer Handvoll ehemaliger Musikstudenten aus Leipzig. Einige alte Weggefährtinnen wie etwa Posaunistin Antonia Hausmann kommen noch immer gerne im Studio oder auf kleinen Bühnen vorbei, wenn Karl die Große aka Frau Wollny ihre wirklich feinfühlige Kunst zum Ausdruck bringt. Das nun dritte Album: Sanfter Pop über schwere Kindheit, reduzierte Musik über das Los- und Zulassen, ein wenig Kate Bush hier, eine Ahnung Enya dort, sparsam platzierte Elektronik-Pointen und über, neben, in allem: die zugleich zarte wie kraftvolle Stimme einer Sängerin, der man gerne ein größeres Publikum wünscht.

PS: Falls jemand nach Lektüre des gefetteten Introtextes weiter vorne noch immer darauf wartet, etwas von Jah Wobble’s Invaders of The Heart zu erfahren, das mittlerweile fast 40 Jahre alte Projekt des ehemaligen Londoner Punkers und PiL-Mitbegründers John Wardle (einer der besten Dub-Bassisten der Welt), den muss ich sanft enttäuschen. Eine neue Platte der kongenialen Band gibt es nicht. Wer sie aber kennenlernen möchte, was ich stark empfehle, widme sich dem 1991 erschienenen Jahrhundertwerk Rising Above Bedlam (Oval Records; u. a. mit Sinead O’Connor).

Label: Backseat/Broken Silence
Format: CD, LP, DL 24/48

www.karldiegrosse.de

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