Dave Douglas – Five
Jazz ist unübersichtliches Gelände – leicht kann man da Bedeutendes übersehen. Hans-Jürgen Schaal präsentiert unbesungene Höhepunkte der Jazzgeschichte.
Ums Jahr 2000 galt Dave Douglas als der größte „Hoffnungsträger“ des Jazz (so der Jazzhistoriker Dan Morgenstern). Man feierte ihn als den perfekten Trompeter, der jede Spiel- und Stilart des Jazz scheinbar mühelos meistern konnte. Douglas hatte u. a. in Berklee studiert, als Straßenmusiker gearbeitet, bei Jack McDuff und Horace Silver die Hardbop-Schule durchlaufen und sich auch in Avantgarde- und Free-Jazz-Kreisen bewährt. Und mehr noch: Er blickte weit über den amerikanischen Horizont hinaus und betrachtete sein Land (und dessen Politik) kritisch „von außen“. Nicht im heimischen New York, sondern als Austauschschüler in Barcelona hatte er für sich die Entscheidung für den Jazz getroffen. Douglas besaß ein waches Ohr für die europäische Konzertmusik, adaptierte Stücke von Schumann, Weill oder Strawinsky, spielte in Uri Caines Mahler-Projekt mit, arbeitete hauptsächlich für europäische Labels. Er öffnete sich auch osteuropäischen und nahöstlichen Klängen, gehörte zu John Zorns Masada-Quartett, war an Don Byrons Klezmer-Adaptionen beteiligt und erkundete mit seinem eigenen Tiny Bell Trio die Balkanmusik. Allein in den ersten zehn Jahren seiner Bandleader-Karriere (1993–2003) machte Dave Douglas 20 Alben unter eigenem Namen – mit zehn verschiedenen Ensembles.
Seine erste und älteste Band auf Tonträgern nannte er seine „String Group“. Da gibt es weder ein Klavier noch einen zweiten Bläser, sondern eben drei Saiteninstrumente (Violine, Cello, Bass) und ein Schlagzeug. Das Klangbild erinnert ein wenig an europäische Kammermusik – nur dass die Musiker amerikanische Jazzkünstler sind, die ständig erfinden, improvisieren, dazwischenspielen und vor allem: mächtig swingen. Neben Douglas ist Mark Feldman der wichtigste Solist hier – ein Geiger, der übergangslos zwischen Jazzswing, Tschaikowsky-Parodie, Avantgardismen und Klezmer-Intonationen wechseln kann. Diese String Group ist genau die richtige Band für Dave Douglas’ transamerikanische Musik, in die so viele Strömungen einfließen – Stilistiken des Jazz, der Klassik, der Folklore. Es gehe ihm darum, sagte Dave Douglas, „all diese Einflüsse zu verdauen, um unsere eigenen Statements zu machen“.
Schon die „Ouvertüre“ des Albums Five lässt aufhorchen. Das Stück heißt „Invasive Procedure“, ist eine durchkomponierte 40-Sekunden-Miniatur mit fast ständig wechselnder Richtung, ein explosives Kammerstück mit Jazzrock-Drive – Alarmstufe Rot.
Danach geht es gleich weiter mit „Mirrors“, in dessen Mittelteil die ganze Band improvisierend swingt, irgendwo zwischen Dixieland-Kapelle und rhythmischem Free Jazz. Diese Hommage an den Sopransaxofonisten Steve Lacy ist das erste von sechs Widmungsstücken, die Douglas für das Album komponiert hat. Die anderen Widmungsträger sind Wayne Shorter, Mark Dresser, Woody Shaw, John Cage und John Zorn – eine bezeichnende Mischung aus Jazzlegenden und Avantgardisten. Die Ballade „Going, Going“ (für Shorter) leitet Douglas mit einem Solo ein, das Mahler so nahe steht wie dem Blues. „Mogador“ (für Zorn) könnte ein nahöstliches Klagelied sein (eine Anspielung auf Zorns Masada-Band), ist unterlegt von einem Tango- oder Marschrhythmus und wird immer wieder unterbrochen von einem signalartigen, heftigen Gegenmotiv.
Auch zwei Standards gehören zum Programm – keine Allerwelts-Standards natürlich, sondern Stücke von genialen Eigenbrötlern: Thelonious Monk und Rahsaan Roland Kirk, originell aufbereitet. Überhaupt hat jedes Stück auf Five etwas Ultimatives in der Konzeption und Durchführung, im motivischen Reichtum und rhythmischen Drang und in der stilistischen Entwicklung zwischen Besenswing und freiem Ausbruch. „Selten gerät etwas besser als das hier“, schreibt John Zorn im CD-Booklet. „Abenteuerliche Musik, vom Genius berührt.“
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