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Locker mit Links - Klavierkonzerte für Paul Wittgenstein

Locker mit Links

Klavierkonzerte für Paul Wittgenstein

Locker mit Links – Konzerte für Paul Wittgenstein

Ravel, Prokofjew, Hindemith, Britten, Korngold, Richard Strauss: Berühmte Komponisten schrieben Konzerte für Paul Wittgenstein, den einarmigen Klavierspieler.

Es gibt erstaunlich viele Klavierwerke für die linke Hand allein, jedoch nur sehr wenige für die rechte. Der Grund dafür ist so fatal wie banal: Wenn jemand die Funktionalität einer Hand verliert – durch eine Kriegs- oder Unfallverletzung, durch Schlaganfall, Dystonie o. Ä. –, dann betrifft das fast immer die starke, die aktive, die mutige, die vorpreschende Hand. Und das ist bei den meisten Menschen die rechte – auch wenn es unter Klavierspielenden immerhin fast 20 Prozent Linkshänder geben soll. Zahlreiche Pianisten ohne funktionale rechte Hand sind international bekannt geworden, darunter Géza Zichy, Otakar Hollmann, Leon Fleisher, Siegfried Rapp, Izumi Tatena und Nicholas McCarthy.

Der prominenteste nur linkshändige Pianist war Paul Wittgenstein (1887–1961), ein Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein. 1913 gab der junge Pianist sein Debüt in Wien, zwei Jahre später musste ihm der rechte Arm amputiert werden (nach einer Kriegsverwundung in Polen). Doch anstatt zu resignieren, beauftragte Wittgenstein die besten Komponisten seiner Zeit, für ihn Klavierwerke für die linke Hand zu schreiben – die Wittgensteins waren eine der reichsten Familien Österreichs. Unter den Ersten, die ihm Werke lieferten, waren Sergei Bortkiewicz, Hans Gál, Leopold Godowsky, Paul Hindemith und Richard Strauss. Doch Wittgenstein erwies sich als ein sehr wählerischer Kunde. Einige der bestellten und bezahlten Kompositionen hat er nie aufgeführt, manche hat er sogar zurückgeschickt.

Wittgensteins Liebling hieß Franz Schmidt (1874–1939) – er hielt ihn für den größten österreichischen Komponisten seiner Zeit. Schmidt war Cello- und Klavierprofessor in Wien und als Komponist eigentlich noch ein Mann des 19. Jahrhunderts. Doch gleich sechs Linke-Hand-Werke durfte er für Wittgenstein schreiben, darunter die konzertanten Beethoven-Variationen (über das Scherzo-Thema der „Frühlingssonate“) und das Klavierkonzert in Es-Dur. Letzteres beginnt – in Umkehrung der Konvention – mit einem „Ideenknoten“, aus dem sich dann die Themen herausschälen. Das dreisätzige Werk dauert eine Dreiviertelstunde und gipfelt in einer gewaltigen Solokadenz im letzten Satz. Als Wittgenstein später Benjamin Britten einen Auftrag gab, schlug er ihm Schmidts Konzert als Modell vor. Markus Becker ist der gewissenhafte Solist in der schönen Aufnahme der NDR Radiophilharmonie: Beethoven Variations/Piano Concerto (cpo, rec. 2006).

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Weniger begeistert war Wittgenstein vom Konzert in b-Moll, das ihm Sergei Prokofjew (1891–1953) lieferte (Klavierkonzert Nr. 4, op. 53). „Ich verstehe keinen Ton davon und werde es nicht spielen“, entschied der stilistisch eher konservative Wittgenstein – dennoch beharrte er lange Zeit auf seinem exklusiven Aufführungsrecht. Erst 1956, nach Prokofjews Tod, konnte Siegfried Rapp – er hatte ebenfalls im Krieg seinen rechten Arm verloren – das grandiose Werk in der DDR uraufführen. Der Kopfsatz (Vivace) strotzt von motorischer Energie und erfährt im Finalsatz eine kurze Reprise. Das Andante klingt romantisch, das Allegro dramatisch-lakonisch. Der Pianist Kun Woo Paik ist ein Spezialist für russische Komponisten. Gleich drei von Prokofjews Klavierkonzerten bietet seine Aufnahme mit den Polnischen Radiosinfonikern: Piano Concertos (Naxos, rec. 1991).

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Über das d-Moll-Konzert von Maurice Ravel (1875–1937) kam es sogar zu einem richtigen Streit. Wittgenstein fand, die technischen Anforderungen für seine linke Hand (vor allem in der zweiten Kadenz) seien zu groß und der Orchesteranteil zu sparsam: „Das klingt nicht.“ Als er aber eigenmächtig Veränderungen anbrachte, wurde Ravel seinerseits zornig. Zwar kam es 1932 zur Uraufführung mit den Wiener Sinfonikern, doch erst mit der Interpretation durch Jacques Février 1937 – Wittgensteins Exklusivrecht war ausgelaufen – zeigte sich Ravel zufrieden. Das Moll-Konzert klingt überwiegend beklemmend und düster, als handle es von der Tragik der Einarmigkeit. Der schnelle Mittelteil explodiert dagegen in wilden, angejazzten Rhythmen. Durch Wittgensteins Auftrag fühlte sich Ravel angeregt, gleichzeitig noch ein weiteres Klavierkonzert zu schreiben – nun in G-Dur und für beide Hände. Bei der Komposition beider Konzerte war er inspiriert vom Concerto in F seines Kollegen Gershwin, den er kurz vorher in den USA besucht hatte. Philippe Entremonts Einspielung dieser drei Konzerte wurde berühmt: Gershwin/Ravel (Columbia, rec. 1971/1975).

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