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Interview JB Dunckel (Air)

JB Dunckel im FIDELITY Interview

„Man hört es nicht. Man spürt es.“

JB Dunckel im FIDELITY Interview

Jean-Benoît „JB“ Dunckel ist eine Hälfte des französischen Pop-Duos Air. Jetzt hat der Co-Schöpfer des legendären Millennium-Albums Moon Safari ein ungewöhnliches Werk veröffentlicht: Auf Paranormal Music Chamber spielen Streicher der Pariser Oper die Klavierstücke von Dunckels letztjähriger Soloplatte Paranormal Musicality. Im Gespräch mit FIDELITY erklärt der Pianist, warum er jetzt mit Geige und Cello arbeitet, obwohl er weder das eine noch das andere spielt. Und warum natürlich trotzdem ein Keyboard zum Einsatz kam.

Interview JB Dunckel (Air)
Fotografie: Emma Burlet

FIDELITY: Monsieur Dunckel, wir müssen erst einmal etwas klären. Sie haben vor einem Jahr Paranormal Musicality veröffentlicht, ein Soloalbum mit Klavierkompositionen. Jetzt wurde ein Teil der Stücke für Ihr neues Album Paranormal Music Chamber erneut eingespielt, von einem Streicherquintett plus Flötistin der Pariser Oper. Was haben Sie denn selbst dabei gemacht?

JB Dunckel: Ich habe die Stücke komponiert!

Natürlich – aber vergangenes Jahr, für Ihr Piano-Album. Für Ihr neues Album jetzt hatten Sie zudem einen Arrangeur verpflichtet …

Okay, ich verstehe die Verwirrung. Paranormal Music Chamber war für mich eine neue Art der Arbeit. Ich habe gemeinsam mit einem Arrangeur gearbeitet, der das musikalische Material für den Streichersatz umstrukturiert und angepasst hat. Die Partituren wurden zwar vom Arrangeur erstellt, ich habe aber jeden Schritt dabei begleitet. Dazu habe ich Effekte kreiert. Delay-Effekte zum Beispiel, um Klänge raumfüllender zu machen. Und Percussion-Elemente. Zum Beispiel ist bei einigen Stücken eine Bassdrum zu hören. Sehr diskret, aber doch wesentlich für den Klang.

Interview JB Dunckel (Air)
Fotografie: Pascale Arnaud

Ein Piano ist nicht dabei – obwohl Sie Pianist sind.

Ein Piano nicht, aber ein Keyboard. Das hat einen sehr wichtigen Einfluss. Ich habe zum Beispiel Basslinien eingespielt, die das Cello dabei unterstützen, einen wirklich tiefen, wohlklingenden Basssound zu schaffen.

Ich muss gestehen: Das Keyboard habe ich nicht gehört …

Man hört es nicht. Man spürt es. Unbewusst, aber es prägt den Sound.

Spielen Sie denn überhaupt selbst ein Streichinstrument, etwa Geige?

Nein, nein. Ich stelle mir nur gerne vor, wie es ist, Geige zu spielen. Ich liebe den Klang von Streichern. Natürlich ist es auf den ersten Blick seltsam, als Pianist ein Album ohne Piano zu machen. Ich wollte aber tiefer in meine Musik einsteigen. Ich hatte das Gefühl, dass eine neue Version mit Streichern raffinierter und kraftvoller sein könnte.

Interview JB Dunckel (Air)
Fotografie: Emma Burlet

Sie sind im vergangenen Jahr mit Air getourt und haben Ihr legendäres Album Moon Safari nach Jahren wieder live gespielt, in der Londoner Royal Albert Hall, in der Oper von Sydney. Parallel entstand Ihr Streicher-Album?

Ich glaube, ich hatte damit sogar schon vor der Tour angefangen, parallel zu den Konzertproben. Während der Tour dann habe ich den Soundtrack zu einer Fernsehserie geschrieben.

Brauchten Sie eine innere Distanz zu den Air-Ohrwürmern?

Ja. Wobei ich Moon Safari tatsächlich noch immer selbst sehr gerne mag. Es war toll, die alten Songs wieder auf der Bühne zu spielen. Aber wissen Sie, es ist auch wichtig, etwas Neues zu schaffen.

Ist es schwer, sich vom Air-Sound zu lösen? Sitzen Sie manchmal am Piano, komponieren, und dann fällt Ihnen auf: Mist, klingt wieder wie Air?

Nein. Wir haben vor mehr als zehn Jahren aufgehört, neue Musik mit Air zu produzieren. Dieser kreative Prozess ist lange vorbei. Aber es stimmt, ich muss den Kopf frei bekommen. Von allem Möglichen. Als ich am Piano saß und die Stücke für Paranormal Musicality komponierte, da habe ich jeden Morgen immer erst einmal zwei Stunden Bach und Ravel gespielt, einfach, um frei zu werden. Dann ließ ich es einfach laufen. Komponieren ist für mich wie träumen. Das lässt sich nicht steuern.

Interview JB Dunckel (Air)
AIR auf einem Konzert im Stadtpark Open Air, 2024.

Ihre Piano-Träume haben sich stark verändert in der neuen Interpretation. Bei „Dolphin“ etwa wird aus einer leichten Melodie am Piano eine Art melodramatischer Kino-Soundtrack. Überhaupt verleihen Streicher Ihren Stücken eine dunklere, geheimnisvollere Atmosphäre. Stimmen Sie zu?

Da ist was dran. Vielleicht ist die Pianoversion luftiger, weil ein Klavier viele hohe Klänge bietet. Vielleicht machen Streicher das Ganze melancholischer und in gewissem Maße düsterer. Das war aber keine bewusste Entscheidung: Hey, wir wollen geheimnisvoll klingen. Worauf ich aber sehr stark geachtet habe: Dass die Arrangements für Streicher möglichst minimalistisch ausgestaltet wurden.

Warum das?

Das Klavier ist ja ein Schlaginstrument, und die Streicher sind Saiteninstrumente. Die Schwingungen der Saiten werden sehr verschieden erzeugt. Geige, Bratsche und Cello können lange Töne erzeugen, während beim Klavier alles auf den ersten Akzent ausgerichtet ist. Daher können Streicher ausdrucksstärker wirken. Ich habe versucht, vorsichtig mit dieser Energie umzugehen. Das kann nämlich dann leblos wirken. Oder aber sehr modern klingen, fast wie elektronische Musik.

Interview JB Dunckel (Air)
Fotografie: Emma Burlet

„Prélude Marin“ ist dafür ein gutes Beispiel, finde ich. Aus einer sanften Komposition wird ein reduziertes, aber auch hektisches Stück.

Ja, die Klavierversion ist rhythmisch ruhiger. Ich wollte, dass dieser Track in der neuen Fassung wie ein Zug klingt, der mit seinem Rhythmus durch die Berge fährt. Eine Reise, vielleicht ein Wettrennen. Wir nutzten Arpeggio-Akkorde, bei denen die Töne nicht zugleich, sondern nacheinander gespielt werden. Philip Glass hat auch viele Arpeggios mit Streichern gemacht. Es war die größte Herausforderung, ihn nicht zu imitieren. Das war schwer, denn ein Arpeggio klingt für mich sofort wie Philip Glass.

„Shine“ ist auch sehr ausdrucksstark. Dazu traurig, vielleicht wegen des dominanten tiefen Cellos?

Traurig war der Song auch, als ich ihn auf dem Klavier einspielte. Die Seele des Tracks steckt in der Melodie. Ein trauriger Song wird nicht plötzlich lustig, nur weil ein Cello zum Einsatz kommt. Eher im Gegenteil. Streicher betonen den Charakter des Songs, machen ihn vielleicht noch etwas dunkler oder melancholischer.

Entspricht das Ihrem Naturell? Auf Fotos sieht man Sie kaum einmal lächeln.

Vielleicht. Vielleicht bin ich ein trauriger Musiker und spiele traurige Musik für traurige Menschen. (lacht)

Sie lachen!

(Lacht wieder) Warum nicht? Ich finde, dass das Leben oft traurig und dramatisch ist, besonders heutzutage. Was wir derzeit in den Nachrichten sehen, ist so düster. Viel düsterer als meine Musik. Dagegen hilft vielleicht tatsächlich nur zu lachen.

Interview JB Dunckel (Air)
Fotografie: Emma Burlet

Ein gutes Motto. „Key Games“ wird durch Streicher ausnahmsweise verspielter und fröhlicher.

Finden Sie? Hier gehen unsere Meinungen auseinander. Mir war die Klavierversion etwas zu fröhlich. Da war ich sehr dankbar, durch die Neu-Interpretation mit Streichern einen melancholischen Filter darüberlegen zu können.

Okay.

Das ist natürlich eine subjektive Wahrnehmung. Eine verspielte Melodie klingt grundsätzlich fröhlicher. In einem neuen Arrangement kann man mit der Melodie jonglieren, es ist wie ein kleines Spiel. Das empfindet der eine dann so, der andere so.

Schon der Akt der Klangerzeugung ist ja sehr verschieden. Im ersten Fall saßen Sie allein am Flügel. Im zweiten Fall war Teamwork gefragt. Klare Strukturen, angeleitet von einem Dirigenten.

Sehr richtig! Die Klavierstücke sind Improvisationen und daher wild und frei. Aber sie sind auch ein bisschen ungeschickt, ja, ungelenk vielleicht, und wenn man sie neu arrangiert, kann man die Ausdruckskraft der ursprünglichen Improvisation steigern.

Sie haben Mathematik und Physik studiert. Kam im Studio mit den Streichern der Wissenschaftler in Ihnen durch? Ein Physiker muss streng und sehr genau arbeiten.

Eine schöne Beobachtung. Wenn man Musik spielt, braucht man Kontrolle, aber man muss auch völlig frei sein. Es geht um die perfekte Balance. Bach war darin der Beste. Denn wenn es zu viel Freiheit gibt, gibt es keine Technik, keine Präzision, keinen Respekt vor der Musik. Aber wenn zu viel Kontrolle da ist, gibt es keinen Ausdruck, keine Gefühle, keine Wärme, keine Menschlichkeit.

Bach war also gut ausbalanciert?

Bach war einer der komplexesten Komponisten aller Zeiten. Ich finde es sehr schwierig, gut Bach zu spielen, weil ich mit zwei Händen vier Melodien gleichzeitig mit unterschiedlichem Ausdruck spielen muss. Die Musik von Bach entspricht meiner ganz persönlichen Definition von Musik. Musik ist wie Mathematik, die man hören kann. Jede Note hat einen Grund, genau dort zu sein, wo sie ist. Wie in einer mathematischen Gleichung. Gleichzeitig finde ich Bach sehr erotisch.

Interview JB Dunckel (Air)
Fotografie: Pascale Arnaud

Musik ist erotische Mathematik? Das müssen Sie bitte auch erklären.

Ein Präludium zum Beispiel beginnt in einer ursprünglichen Grundtonart, und es endet auch in dieser Grundtonart. Und dazwischen gibt es viele Wechsel der Harmonien, wissen Sie, wie Dinge, die im Leben passieren. Das finde ich wirklich erotisch. Denn Erotik beschreibt den Weg zu einem Ziel, das man erreichen will. Auf dem Weg zum Sex etwa gibt es viele Schattierungen der Annäherung.

Wenn Bach für Sie eine Analogie für körperliche Annäherung ist, was ist dann Ravel? Porno?

(Lacht) Das sagen jetzt Sie! Nein, ich liebe Ravel. Der Mann war ein Genie. Mir fehlen dafür fast die Worte.

Könnten Sie sich ein Soloalbum vorstellen: Dunckel plays Ravel?

Nein, ich glaube nicht, dass mein Talent groß genug ist, um eine interessante Version von Ravel zu erschaffen.

Nun, Ravel würde es nicht hören.

Aber ich selbst. Und die Musikkritiker, die würden es auch hören.

JB Dunckel

Interview JB Dunckel (Air)

Jean-Benoit „JB“ Dunckel, 56, ist einer der bekanntesten Musiker Frankreichs. An der Seite von Nicolas Godin prägte er als Pop-Duo Air rund um die Jahrtausendwende einen ganz eigenen Ambient-Sound aus Keyboard-, Piano- und Electronic-Elementen. Zuletzt spielten Air ihr legendäres Album Moon Safari aus dem Jahr 1998 in den Opernhäusern dieser Welt nach Jahren wieder live. Als Solokünstler widmet Dunckel sich dem Komponieren von Soundtracks, zuletzt für den Film The Good Teacher. 2024 veröffentlichte der Musiker das Soloalbum Paranormal Musicality mit Piano-Improvisationen, die er nun für das neue Album Paranormal Music Chamber von Streichern und einer Flötistin der Pariser Oper einspielen ließ.

Paranormal Music Chamber von JB Dunckel auf jpc.de.

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