Grell OAE2
Bei Grell verlässt man sich mit dem OAE2 nicht auf alte Kopfhörertraditionen, sondern auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse.
Wenn es ein Audio-Segment gibt, das seit gut einem Jahrzehnt kontinuierlich boomt, dann ist es der Markt für Kopfhörer. Die Ausstellungsflächen auf den einschlägigen Messen werden immer weiträumiger und die Preiskurve zieht steil nach oben – zwei untrügliche Zeichen einer fortlaufenden Erfolgsgeschichte. Umso neugieriger wird man dann, wenn in den heimischen Gefilden ein Produkt landet, das nicht nur technische Neuerungen verspricht, sondern auch mit einem attraktiven Preis aufwarten kann. Noch neugieriger wird man dann, wenn man erfährt, dass hinter der Entwicklung kein Newbie mit Glücksritterambitionen steht, sondern ein ausgewiesener Profi der Branche.
Axel Grell zählt seit Jahrzehnten zu den prägenden Persönlichkeiten im High-End-Kopfhörersegment. Als maßgeblicher Entwickler war er an einer Vielzahl von Modellen beteiligt, die sowohl unter Enthusiasten als auch im professionellen Umfeld Referenzstatus erlangt haben. Zu den bekanntesten Produkten, die mit seiner Expertise entstanden sind, zählen unter anderem der Sennheiser HD 600, HD 800 und HE 1, der Neumann NDH 30 sowie der Heavys H1H. Seit 2019 ist Grell als unabhängiger Consultant tätig und arbeitet mit mehreren international renommierten Pro-Audio-Marken zusammen. 2020 gründete er zudem die eigene Marke Grell, unter der er seine akustischen Konzepte in eigenständigen Produkten weiterentwickelt.

Das Ohr als Ausgangspunkt
Mit den Modellen OAE1 und OAE2 verfolgt man bei Grell einen konstruktiven Ansatz, der sich von konventionellen Kopfhörerkonzepten unterscheidet. Im Mittelpunkt steht nicht allein der Treiber oder eine bestimmte Abstimmung, sondern die bewusste Einbindung der individuellen Ohrgeometrie in die akustische Gestaltung. Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist die Beobachtung, dass der Mensch Schall im Alltag überwiegend frontal wahrnimmt – etwa bei einem Konzert, im Gespräch oder beim Hören über Lautsprecher. Entsprechend basiert das akustische Konzept auf der sogenannten frontseitigen Schallfeldmodulation (FSFM), bei der die Schallwandler nicht seitlich, sondern angewinkelt vor dem Ohr positioniert sind. Während herkömmliche Kopfhörer den Schall direkt von links und rechts abstrahlen lassen und damit ein seitliches Schallfeld erzeugen, projiziert die FSFM-Technologie die Schallwellen so, als kämen sie von einer vor dem Hörer befindlichen Quelle. Auf diese Weise wird das natürliche Hörverhalten nachgebildet: Das Ohr verarbeitet Schall aus frontaler Richtung besonders effizient, da Beugungen und Reflexionen an Ohrmuschel, Kopf und Oberkörper in die Wahrnehmung einbezogen werden. Da jedes Ohr eine individuelle Form besitzt und der Frequenzgang am Trommelfell von Person zu Person variiert, zielt dieser Ansatz darauf ab, die anatomisch bedingten Einflüsse konstruktiv zu nutzen und eine möglichst unverfälschte, detailreiche Wiedergabe insbesondere im Mittel- und Hochtonbereich zu ermöglichen.

An diese grundsätzliche Ausrichtung schließt sich beim größeren Modell OAE2 ein weiterentwickeltes Dämpfungskonzept an, das auf umfangreichen Analysen verschiedener akustischer Materialien basiert. Ziel war es, die Offenheit der Konstruktion mit einer kontrollierten Tiefbasswiedergabe zu verbinden und Resonanzen gezielt zu minimieren. Eine durchdachte Kombination aus Mechanik und ausgewählten Werkstoffen – darunter Gewebe, spezielle Kunststoffe, Zink und Edelstahl – liefert die Grundlage für das Konzept, die technische Umsetzung ist zugleich Teil eines fortlaufenden Forschungsprozesses. Grell geht davon aus, dass das menschliche Gehör nicht wie ein standardisiertes Messmikrofon funktioniert, sondern stark durch individuelle anatomische Unterschiede geprägt ist. Beugungen und Reflexionen am Körper, am Kopf und insbesondere an der Ohrmuschel beeinflussen die Schallwahrnehmung erheblich – vor allem dann, wenn die Schallquelle sehr nah am Trommelfell positioniert ist. Vor diesem Hintergrund arbeitet das Unternehmen an neuen Wandlerkonzepten, Materialien und Fertigungsmethoden, um die natürliche Geometrie des Ohres gezielt in die akustische Konstruktion einzubinden. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Kommunikationstechnik (IKT) der Leibniz Universität Hannover werden im Rahmen des Projekts „Krispiphy“ Fragestellungen rund um individuelles Hören vertieft untersucht. Die dort gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Weiterentwicklung der Produkte ein und unterstreichen den Anspruch, technische Innovation und hörphysiologische Forschung miteinander zu verbinden.
Ein anderes Hören
Wie klingt das Ganze nun und muss man sich tatsächlich erst an den Klang gewöhnen? Oder noch provozierender gefragt: Ist unser gewohntes Hörfeeling bei Schallmützen mittlerweile dermaßen deformiert, dass die auf das „natürliche“ Hörverhalten ausgerichtete Grell’sche Konstruktion uns komplett verwirren wird? Ich kann Sie an dieser Stelle gleich beruhigen: Nein, Sie brauchen keinen etwaigen Trainingsprozess, um mit diesem Kopfhörer zurechtzukommen, auch wenn die erste Hörbegegnung durchaus überraschend sein kann. Da ist zunächst einmal ein sehr leichtfüßiges und offen-transparentes Sounddesign, dass mich in Teilen durchaus an die großen 800er-Modelle von Sennheiser denken lässt. Auffällig ist allerdings, für welchen Preis das hier nun bereits möglich wird. Denkt man aber dann daran, dass der Grell OAE2 invented, aber nicht made in Germany ist, dann erklärt dies den komfortablen Preis.
Lassen Sie mich den generellen Klangeindruck an zwei doch sehr unterschiedlichen Alben ausführlicher darstellen. Bei Mozarts Violinkonzerten mit Isabelle Faust und dem Originalklangensemble Il Giardino Armonico entfaltet der Kopfhörer eine auffallende Leichtigkeit: Die Streicher wirken agil, sie verteilen sich beinahe wie ein schwirrender Bienenschwarm um den Kopf, ohne dabei ihre Struktur zu verlieren. Der Solopart Isabell Fausts wird sauber konturiert herausgearbeitet, wird vom Orchester nicht geschluckt. Bläsereinsätze erscheinen klar akzentuiert und präzise gesetzt. Insgesamt vermittelt der OAE2 einen sehr transparenten, leicht hell abgestimmten Klangcharakter, der jedoch nie ins Spitzige kippt. Die Bühne wirkt weit und offen, fast wie in einem großzügigen Konzertsaal – ein Eindruck, der auch bei längerem Hören bestehen bleibt. Enge oder gar ein klaustrophobisches Gefühl kommt selbst nach ausgedehnten Sessions nicht auf.
Ein völlig anderes Terrain betritt der OAE2 mit Trentemøllers The Last Resort. Hier überrascht er mit einem tiefreichenden, kraftvollen Bassfundament, das in seiner Substanz fast an geschlossene Systeme erinnert. Gleichzeitig bleiben Mitten und Höhen luftig und differenziert – jene Transparenz, die bereits bei den Mozartaufnahmen überzeugte, setzt sich auch im elektronischen Kontext fort. Statt eines druckvollen Clubcharakters entsteht so eher ein hochauflösendes, audiophiles Klangbild mit klarer Struktur und Tiefe. Aber Achtung, dies heißt nicht, dass der OAE2 bassschwach wäre, ganz im Gegenteil: dieser Kopfhörer drängelt sich nur nicht vor, sondern bleibt bei elektronischer Musik integrativ eingebunden. Insgesamt präsentiert sich der OAE2 weniger als Effektgerät für den schnellen Wow-Moment, sondern als Kopfhörer mit nachhaltigem Genussfaktor.
Power für den Spaß
Zum Schluss noch ein Hinweis, den Sie bei der ersten Begegnung mit dem aktuellen Kopfhörer Axel Grells noch berücksichtigen sollten. Auch wenn die Datenlage mit einer Impedanz von 38 Ohm für einen im Prinzip leicht anzutreibenden Kopfhörer spricht, so hat sich im Test mit mehreren Kopfhörerverstärkern herausgestellt, dass der OAE2 durchaus einen leichten „kick in the ass“ vertragen kann. Allzu sanftmütig sollte Ihr Kopfhörerverstärker nicht daherkommen und prinzipiell darauf ausgelegt sein, auch Kopfhörer mit mittlerer oder gar hoher Impedanz antreiben zu können – dann sind Sie auf jeden Fall auf der richtigen Seite und erfahren, wie der OAE2 neben allem High-End-Feeling auch einen gehörigen Spaßfaktor mitbringt.
Info
Kopfhörer Grell OAE2
Konzept: Over-Ear-Kopfhörer, offenes Design ohne Crossfeed
Treiber: Breitband-Schallwandler mit Biozellulose-Membran
Frequenzgang (−3 dB): 12 Hz bis 34 kHz
Impedanz: 38 Ω
Schalldruckpegel (@1 kHz/1 V): 100 dB
Maximale Eingangsleistung: 500 mW
Klirrfaktor (@1 kHz): 0,05 %
Besonderheiten: robuste, langlebige Konstruktion; modulares Design mit austauschbaren Komponenten; frontseitige Schallfeldmodulation (FSFM)
Lieferumfang: Reiseetui; versilbertes OFC-Kabel mit 3,5-mm-Stecker (inkl. 6,3-mm-Adapter), versilbertes OFC-Kabel mit 4,4-mm-Stecker für vollsymmetrischen Betrieb
Gewicht: 378 g (ohne Kabel)
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: um 500 €
Kontakt
Sieveking Sound
Plantage 20
28215 Bremen
Telefon +49 421 6848930
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