Album-Doppel: Nirvana / „Weird Al“ Yankovic
Ausgerechnet Seattle, die grüne, lebenswerte, weltoffene Großstadt ganz im Nordwesten der USA, am Pazifik gelegen, nahe der kanadischen Grenze – die Stadt der Boeing-Ingenieure und IT-Pioniere, der Akademiker und Hochschulen. Ausgerechnet Seattle also war der Geburtsort der neuen Popmusik namens Grunge.
Klar: Auch in Seattle waren die Teenies zornig und verwirrt – nur vielleicht etwas sensibler zornig, etwas reflektierter verwirrt als anderswo. 1989 hat man die besondere Seattle-Szene erstmals auch in England entdeckt – da war sie noch Underground-Kult. Nur wenige Jahre später aber war Grunge das Pop-Thema Nummer eins – und Seattle der Nabel der Rockwelt. Diese Mixtur aus Punk-Energie und Metal-Härte wurde ein tiefer Einschnitt in der Popgeschichte … der Sound der Generation X. Es waren „große, seismische Verschiebungen“, wie „Weird Al“ Yankovic meinte.
Die Band, die das große Grunge-Beben auslöste, hieß Nirvana. Ihr Debütalbum Bleach war 1989 in den USA gerade mal so in die Top 100 gekommen. Aber zwei Jahre später, da passte plötzlich alles. Sie hatten den richtigen Drummer gefunden (Dave Grohl), das richtige Label (DGC, die David Geffen Company), den richtigen Produzenten (Butch Vig), das richtige Studio (in Los Angeles). Und vor allem: die richtige Musikmischung. Dazu gehörte nicht nur die Härte des Metal, nicht nur der Zorn des Punk, sondern eben auch ein Schuss Pop-Ästhetik: kompakte Melodien zum Mitsingen. Kurt Cobain, der Kopf der Band, wollte in seiner Musik gleichzeitig „Led Zeppelin und extremen Punkrock und richtig weinerliche Popsongs“ haben. Sein Vorbild waren die Pixies aus Boston – mit denen identifizierte er sich so sehr, dass er sich vorstellen konnte, bei dieser Band einzusteigen. Stattdessen aber: das zweite Nirvana-Album. Es wurde eines der erfolgreichsten Alben der Musikgeschichte. 13-mal Platin allein in den USA.
Nevermind und die erste Single daraus (Smells Like Teen Spirit) erschienen im September 1991. Schon bei der anschließenden Europatour merkte man: Da passierte etwas. Die heisere Stimme von Cobain, die melancholischen Texte, die extremen Kontraste zwischen leisen und lauten Passagen, zwischen sauberen und verzerrten Gitarren … Diese Nirvana-Mixtur schlug ein wie der Blitz. „Smells Like Teen Spirit“ wurde zur Hymne einer ganzen Generation. Am richtigen Tempo dieses Songs hatten alle drei Musiker – Kurt Cobain, Krist Novoselic, Dave Grohl – lange gefeilt. Der Songtitel zitiert eine Freundin von Cobain – er selbst wusste nicht, dass sie mit „Teen Spirit“ ein Deodorant gemeint hatte. Dieses Produkt war 1991 gerade erst auf den Markt gekommen. Auch die Single verkaufte sich millionenfach.
Das Albumcover entsprang einer Laune von Cobain. Er hatte im Fernsehen irgendetwas gesehen über Wassergeburten oder Babyschwimmen. Ein Fotograf wurde beauftragt, ging mit einem Freund und dessen vier Monate altem Säugling ins Schwimmbad und machte ein paar Aufnahmen. Das Foto des Babys mit den ausgebreiteten Armen (die Dollarnote ist natürlich Retusche) wurde weltberühmt. 30 Jahre später hat das Baby von einst aber Klage dagegen eingereicht. Der Vorwurf lautete auf Kinderpornografie. Mehrfach wurde die Klage schon abgewiesen, aber der Streit geht weiter. Kurt Cobain hat diese Folgen sicherlich nicht geahnt. 1994 nahm er sich das Leben, setzte damit auch Nirvana ein Ende, machte den Ruhm dieser Band aber unsterblich. Immerhin hat Cobain noch die Hommage durch „Weird Al“ Yankovic erlebt. Der sprang für sein Albumfoto selbst ins Wasser. Er trug eine Badehose.
Yankovic ist Amerikas ungekrönter König der Musikparodie. Er liebt es, Popsongs ziemlich unverändert nachzuspielen, aber mit witzigen neuen Texten auszustatten. Seine Spezialität sind Themen rund ums Essen, ums Zu-viel-Essen, ums Dickwerden. Aus Michael Jacksons „Beat It“ hat er „Eat It“ gemacht, aus „Bad“ ein „Fat“. Als Michael Jacksons „Black Or White“ erschien, Ende 1991, wollte Yankovic es als „Snack All Night“ parodieren. Nun war Jackson zwar ein Yankovic-Fan, aber dieser Song war ihm zu wichtig für eine Blödelei – er gab keine Freigabe. Da kam der Erfolgssong von Nirvana genau richtig. Yankovic erreichte Cobain am Telefon, versicherte ihm, dass es nicht ums Thema Essen gehen würde, und erhielt die Erlaubnis. Aus „Smells Like Teen Spirit“ wurde bei Yankovic „Smells Like Nirvana“ – ein Song darüber, wie schwer die Texte dieser Band rein akustisch zu verstehen sind. Bei der Parodie hatte Yankovic angeblich Kekse im Mund und gurgelte mit Wasser, um Cobains Nuscheln zu veralbern. Die Jungs von Nirvana sollen über das Ergebnis heftig gelacht haben. Cobain galt geradezu als ein Fan von „Smells Like Nirvana“. Dass Nevermind daraufhin als Parodievorlage fürs Albumcover herhalten musste, war fast logisch. Das ganze CD-Booklet imitiert Nevermind. Auch Yankovics Musikvideo war am originalen „Smells“-Video angelehnt.
Es gibt noch mehr Lustiges auf Yankovics Album Off The Deep End, etwa eine Parodie des Rap-Songs „U Can’t Touch This“ (MC Hammer) oder zweier Songs von Milli Vanilli. Es gibt auch ein Polka-Medley mit mehr als einem Dutzend populärer Refrains ganz unterschiedlicher Originalkünstler wie Metallica, Janet Jackson, Suzanne Vega und Billy Idol. Und außerdem einige eigene Songs von Yankovic, die nur musikstilistisch an Vorbildern orientiert sind. Dank dem Nirvana-Bezug wurde Yankovics Album ebenfalls ein großer Erfolg – immerhin Platin in den USA. Im Konzert sang Yankovic seine Parodie „Smells Like Nirvana“ stets mit platinblonder Kurt-Cobain-Perücke.
Nirvana – Nevermind
DGC, 1991
„Weird Al“ Yankovic – Off The Deep End
Rock’n’Roll, 1992
Nirvana – Nevermind auf discogs.com
„Weird Al“ Yankovic – Off The Deep End auf discogs.com




