Stanley Turrentine / Blue’n’Groovy
Minton’s Playhouse in Harlem ist einer der magischen Orte des Jazz.
Seit 1938 war das Lokal in New Yorks 118th Street ein beliebter Musikertreff. Henry Minton, der Besitzer, hatte selbst einmal professionell Saxofon gespielt und früher die Musikerkneipe „Rhythm Club“ geleitet. 1940 dann wurde Teddy Hill der Manager im Minton’s – auch er ein Musiker: Hill hatte da gerade seine Bigband aufgelöst. Weil er sich seinen nun arbeitslos gewordenen Musikern verpflichtet fühlte, gab er einigen von ihnen einen Job in „seinem“ Lokal, allen voran: Kenny Clarke und Dizzy Gillespie. Zur Hausband stießen dann auch Thelonious Monk, Charlie Christian, Charlie Parker – es war die Keimzelle einer Jazzrevolution namens „Bebop“. Minton’s Playhouse galt ab 1941 als der „place to go“, denn genau dort spielte man diesen verrückten neuen Sound. Dort, genau dort, wurde der moderne Jazz geboren. (Seit 2006 bzw. 2013 hat das Minton’s an historischer Stätte wieder eröffnet – als „Uptown Jazz Lounge“.)
Auch für den Blue-Note-Produzenten Alfred Lion war das Minton’s 1961 ein magischer Ort. Nachdem im Vorjahr das Plattendebüt von Stanley Turrentine auf Blue Note erschienen war, wollte Lion seinen 26-jährigen Saxofon-Newcomer nun in einem Live-Set aufnehmen. Da traf es sich gut, dass Turrentine gerade ein Club-Engagement hatte, zusammen mit der Formation „Us Three“. Dahinter steckte niemand anderes als das Horace-Parlan-Trio, mit dem Turrentine bereits mehrere Studio-Dates gespielt hatte – ebenfalls für Blue Note. Und diese vier hatten ihr Club-Engagement tatsächlich im Minton’s, dessen Name für jeden Bop-Fan eine Legende war. Auch 1961 noch hieß der Manager dort Teddy Hill. Angeblich stand in seinem Büro immer noch ein Gitarrenverstärker von Charlie Christian herum. Eine Schallplattenproduktion im Minton’s, an diesem magischen Ort, hatte jedenfalls einen nicht geringen Sensationswert. Nie zuvor war dort legal eine Aufnahme mitgeschnitten worden.
Alfred Lion wusste seine jungen Talente immer gut zu fördern. Nicht nur Stanley Turrentine, auch Horace Parlan war erst seit einem Jahr als Bandleader bei Blue Note unter Vertrag. Und seine jüngste Entdeckung – den Gitarristen Grant Green – packte der Produzent jetzt einfach noch zu dieser Live-Band hinzu. Green hatte gerade seine ersten Studioaufnahmen für Blue Note gemacht – sie waren noch gar nicht erschienen. Mitgeschnitten wurde an einem Donnerstagabend im Februar 1961, der Club war dicht gefüllt. Vier Stücke des Auftritts landeten dann auf dem Album Up At „Minton’s“ – drei Standards (zwei schnell, einer halbschnell) und ein mittelschneller Blues. Das Blues-Spielen – am besten: im Midtempo und in Moll – galt damals schon als die eigentliche Stärke des jungen Tenorsaxofonisten. Stanley Turrentine war kein Avantgardist und würde auch nie einer werden. Oder in den Worten von Richard Cook: „nobody’s torch-bearer for jazz progression“. Turrentine war mehr der freundliche Crowdpleaser. Er kam aus dem Rhythm & Blues, er fühlte sich wohl im funky Hardbop, und er sollte ein Star werden im Soul-Jazz, im Fusion-Jazz und Pop-Jazz. „The soulful Mr. T“ nannte man ihn in späteren Jahren. Sein großer Tenorton und sein erdiger Drive wurden bald sprichwörtlich. „So will ich ein Tenor hören“, sagte Horace Parlan einmal.
Dass das Plattencover in Blautöne getaucht wurde, ist beim Blues-Spezialisten Turrentine kein Wunder. Für die Plattenhülle des begleitenden Albums Volume 2 (wieder mit drei Standards und einem Blues) hat man dann nur ein wenig die Farben variiert – in Richtung Rot und Violett. Aber noch ein drittes Mal wurde das Coverdesign verwendet – 36 Jahre später für die Compilation Blue ’n’ Groovy Vol. 2. Das dürfte ganz im Sinne des populär orientierten Stanley Turrentine gewesen sein, denn die Compilation präsentiert (so der Begleittext) „fingerschnalzenden, Dancefloor-freundlichen, Soul-getränkten Jazz“ der Vinyl-Ära. Natürlich ist auch „Mr. T“ selbst bei den Interpreten dabei, und zwar mit dem Stück „And Satisfy“. Der Track ist (natürlich) ein Blues – und übrigens einer der wenigen Tracks auf dieser Compilation, die noch richtig swingen.
Denn der Groove-Schwerpunkt auf Blue ’n’ Groovy Vol. 2 liegt beim Soul/Latin-Rhythmus, der sich speziell in den späten 1960er Jahren breitgemacht hat. Donald Byrds „Dixie Lee“ von 1966 hat diesen ganz typischen Soul-Jazz-Beat, mit dem damals das Ramsey-Lewis-Trio sogar die amerikanischen Popcharts stürmte. Jackie McLeans Aufnahme „Greasy“ (1959) verwendet dagegen noch einen Boogie-Groove, Duke Pearsons „Wahoo“ (1964) einen geheimnisvollen 5/4-Swing. Einige der wichtigsten New Yorker Bläser der Sixties sind auf dieser Compilation (als Bandleader oder als Sidemen) vertreten. Gleich drei Mal: der Trompeter Donald Byrd. Je zwei Mal: Lee Morgan, Blue Mitchell, Joe Henderson, Wayne Shorter, Jackie McLean, James Spaulding.
Aus dem Rahmen fällt der Track von Art Pepper – das ist klassischer Westcoast-Jazz aus den Fünfzigern und hat mit Blue Note nichts zu tun. Dass er 1997 in die Compilation aufgenommen wurde, verdankt sich seinem Latin-Rhythmus und dem Umstand, dass Blue Note damals mit diversen Westcoast-Labels zusammen in einem Haus vereint war. Aus dem Rahmen fällt auch das letzte Stück: McCoy Tyners „Message From The Nile“ (1970). Diese 12-Minuten-Aufnahme schlägt eine Brücke in den modalen World- und Fusion-Jazz – mit Alice Coltrane an der Harfe und einem Wayne Shorter im John-Coltrane-Gedächtnis-Modus.
Stanley Turrentine – Up At Minton’s (Vol. 1)
Blue Note, 1961
Various Artists – Blue ’n’ Groovy Vol. 2
Capitol, 1997
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