Shifty Records
Ein unabhängiges Label im Südafrika der Apartheid
Als der Produzent und Musiker Lloyd Ross Ende der 1970er Jahre nach einem Jahr in Großbritannien nach Südafrika zurückkehrte, war er von der dort entstehenden Punkszene nachhaltig geprägt. Ihn faszinierte die Vorstellung, Musik einfach selbst zu machen, unabhängig von den Erwartungen der Musikindustrie. Zurück in Südafrika spielte er zunächst bei den Radio Rats und lernte über die Band die alternative Musikszene rund um Johannesburg kennen. 1983 gründete Ross gemeinsam mit dem Tontechniker Ivan Kadey das Shifty Studio. Das Studio befand sich in einem Wohnwagen und konnte an wechselnden Orten aufgebaut werden, in einem Land wie Südafrika zur damaligen Zeit nicht der allerdümmste Gedanke. Die Idee entstand zunächst aus Geldmangel, erwies sich aber schnell als Vorteil. Das Studio kam dorthin, wo Musiker arbeiteten – in Gemeindehäuser, Kirchen, Probenräume oder an Veranstaltungsorte. Viele Produktionen wären ohne diese Flexibilität kaum möglich gewesen, was sowohl politische als auch geografische Gründe hatte.
Eigentlich sollte Shifty zunächst lediglich ein Tonstudio sein. Doch schon die erste größere Produktion zeigte die Grenzen des bestehenden Musikbetriebs. Für die Band Sankomota aus Lesotho nahm Ross Ende 1983 ein Album auf, das von sämtlichen Plattenfirmen abgelehnt wurde. Die Musiker sangen in verschiedenen Sprachen, ihre Texte griffen die politische Realität auf und ihre Musik ließ sich keinem festen Genre zuordnen. Ein Album wahrlich zwischen allen Welten. Für die großen Labels war das ein Risiko. Ross entschied daraufhin, die Aufnahmen selbst zu veröffentlichen. Damit entstand Shifty Records. In den folgenden Jahren entwickelte sich das Label zu einer festen Größe der südafrikanischen Independent-Szene. Ross produzierte Musiker, die bei etablierten Firmen kaum Beachtung fanden oder unter der Apartheid litten. Während der Apartheid bestimmten wirtschaftliche Interessen, Zensur und die Vorgaben des Rundfunks, welche Musik veröffentlicht und gespielt wurde. Viele Produktionen von Shifty passten nicht in dieses System. Selbst nachdem ein Album fertig aufgenommen war, gab es Schwierigkeiten. Teilweise weigerten sich Presswerke, Schallplatten herzustellen, weil einzelne Liedtexte als anstößig galten. Mehrere Veröffentlichungen mussten deshalb in Großbritannien gepresst werden. Im Radio liefen sie trotzdem kaum.
Shifty beschränkte sich nie auf einen bestimmten Musikstil. Zum Katalog gehörten Rockbands, Jazzmusiker, Protestlieder, Gewerkschaftschöre, Township-Musik und experimentelle Produktionen. Ross interessierte sich für Künstler, die eigene Wege gingen und Themen aufgriffen, die anderswo kaum vorkamen. Viele Aufnahmen entstanden direkt vor Ort und dokumentierten eine Musikszene, die außerhalb kleiner Konzertkreise fast unsichtbar geblieben wäre.
Großen Einfluss hatte die Zusammenarbeit mit James Phillips. Unter dem Namen Bernoldus Niemand veröffentlichte er 1985 das Album Wie Is Bernoldus Niemand. Zum ersten Mal erschien ein Rockalbum in Afrikaans, das sich deutlich von der bis dahin bekannten afrikaanssprachigen Unterhaltungsmusik unterschied. Das Album wurde später zu einem wichtigen Bezugspunkt für Künstler wie Koos Kombuis und Johannes Kerkorrel. Aus diesem Umfeld entwickelte sich die Voëlvry-Bewegung, deren Konzerte Ende der 1980er-Jahre vor allem junge Afrikaaner anzogen. Viele von ihnen fanden dort erstmals Musiker, die ihre Erfahrungen und Zweifel in Afrikaans ausdrückten. Die Tour machte Shifty Records weit über die alternative Szene hinaus bekannt. Zur gleichen Zeit arbeitete Ross mit Künstlern aus völlig anderen Zusammenhängen. Der Dichter und Musiker Mzwakhe Mbuli veröffentlichte über Shifty sein erstes Album Change Is Pain. Wegen seiner Texte wurde die Platte offiziell nicht vertrieben. Trotzdem verbreitete sie sich schnell über persönliche Netzwerke und entwickelte sich zum größten Verkaufserfolg des Labels. Kurz darauf nahm Ross auch die ersten Alben von Vusi Mahlasela auf, der später international bekannt wurde. Finanziell blieb die Arbeit schwierig. Die meisten Produktionen verkauften sich in kleinen Stückzahlen. Ross finanzierte einen großen Teil des Labels mit Einnahmen aus seiner Arbeit als Filmkomponist und Dokumentarfilmer. Zeitweise half eine Förderung aus Schweden beim Ausbau des Studios und beim Aufbau einer kleinen Infrastruktur. Reich wurde mit Shifty trotzdem niemand.
Nach dem Ende der Apartheid veränderte sich auch die Situation des Labels. Ein schwerer finanzieller Verlust zwang Ross Anfang der 1990er Jahre zu einer Zusammenarbeit mit BMG Africa. Dort erschienen weitere Alben, unter anderem von James Phillips, den Kalahari Surfers und Lesego Rampolokeng. Die Kooperation dauerte jedoch nur wenige Jahre. Die Arbeitsweise eines internationalen Konzerns ließ sich nur schwer mit den Vorstellungen verbinden, die Ross von unabhängiger Musikproduktion hatte.
Kurz nach den ersten demokratischen Wahlen starb James Phillips. Für Ross markierte sein Tod das Ende eines langen Abschnitts. Nach mehr als zehn Jahren hatte Shifty Records fast sechzig Alben veröffentlicht und einen Teil der südafrikanischen Musikgeschichte festgehalten, der in den Archiven der großen Plattenfirmen kaum vorkommt. Ross wandte sich anschließend wieder stärker dem Dokumentarfilm zu und griff dort die Geschichte vieler Künstler erneut auf. Filme über James Phillips oder die Voëlvry-Bewegung entstanden aus diesem Zusammenhang. Heute gilt Shifty Records als eines der bedeutendsten Independent-Labels Südafrikas. Seine Geschichte zeigt, wie außerhalb der etablierten Musikindustrie ein Netzwerk entstand, das Musiker zusammenbrachte, Aufnahmen ermöglichte und Werke veröffentlichte, die unter anderen Bedingungen wahrscheinlich nie erschienen wären.
Various Artists – Shifty Records Best Of The 80’s
Label: Shifty
Format: LP



