Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann – das Außenseiter-Traumpaar
Dieses Classidelity wird extrem hochkulturell, feiern doch zwei Giganten der bundesrepublikanischen Nachkriegskultur dieses Jahr ihren 100. Geburtstag, die sich menschlich wie künstlerisch gegenseitig schätzten, beeinflussten und zusammengearbeitet haben.
Die Rede ist von der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann und dem Komponisten Hans Werner Henze, die mehr als nur eine gemeinsame Ästhetik verband. Zwischen den frühen 1950er und den mittleren 1960er Jahren entwickelten beide eine enge künstlerische Partnerschaft, die neben einem gemeinsamen ästhetischen Verständnis auf einem ausgeprägten politischen Bewusstsein, einem Bewusstsein für Geschlechterfragen und einer tiefen persönlichen Freundschaft beruhte.

Kennengelernt hatten sich Bachmann und Henze 1952 auf einer Tagung der Gruppe 47. Zu dieser Zeit gehörten beide zu einer jungen Generation von Künstlerinnen und Künstlern, die nach dem Ende des Nationalsozialismus nach neuen ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten suchten. Während Bachmann bereits durch ihre Gedichte Aufmerksamkeit erregt hatte, etablierte sich Henze als einer der innovativsten Komponisten seiner Generation, der sich bewusst auch als Gegenpol zu Stockhausen und Boulez inszenierte. Schnell entwickelte sich eine intensive Freundschaft, die auf gegenseitiger Bewunderung beruhte. Beide teilten die Überzeugung, dass Kunst gesellschaftliche Verantwortung tragen müsse und sich nicht von politischen Entwicklungen abkoppeln dürfe.

Von besonderer Bedeutung war ihre gemeinsame Zeit in Italien. Henze ließ sich Mitte der 1950er Jahre dauerhaft dort nieder und lebte zunächst auf der Insel Ischia, später in Marino bei Rom. Auch Bachmann verbrachte über viele Jahre große Teile ihres Lebens in Italien und hielt sich häufig in Rom auf. Die räumliche Nähe ermöglichte einen kontinuierlichen persönlichen Austausch. In Briefen, Gesprächen und gemeinsamen Arbeitsphasen diskutierten sie literarische Entwürfe, musikalische Konzepte sowie politische Entwicklungen. Italien wurde für beide nicht nur zu einem Wohnort, sondern auch zu einem kreativen Freiraum, der Distanz zum muffigen kulturellen Klima der jungen Bundesrepublik und Österreichs schuf. Vor allem Henze empfand Italien immer als Ort der sexuellen Emanzipation, in dem er offener mit seiner Homosexualität umgehen konnte, als dies im verklemmten Spießerzustand der Adenauer- und Kiesinger-Republik möglich gewesen wäre. Gemeinsam verband beide außerdem eine kritische Haltung gegenüber politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer Zeit. Sowohl Bachmann als auch Henze beschäftigten sich intensiv mit den Folgen des Nationalsozialismus, mit Fragen individueller Schuld und Verantwortung sowie mit autoritären Machtstrukturen. Diese Themen flossen nicht in Form direkter politischer Botschaften in ihre Werke ein, sondern wurden über literarische Figuren, symbolische Situationen und musikalische Spannungsverhältnisse vermittelt. Kunst sollte nach ihrem Verständnis gesellschaftliche Wirklichkeit reflektieren und gleichzeitig neue Denk- und Wahrnehmungsräume eröffnen. Womöglich liegt die spätere Trennung der beiden in Henzes politischer und auch künstlerischer Radikalisierung begründet, bei der er zunehmend aktivistischer agierte und auch vor Agitprop nicht zurückschreckte.
Bereits ihre ersten gemeinsamen Werke zeigen, wie eng Sprache und Musik miteinander verzahnt wurden. Bachmann schrieb für Henze mehrere Liedtexte, die dieser vertonte. Anders als in traditionellen Kunstliedern entstanden die Texte häufig im direkten Austausch mit dem Komponisten. Bachmann entwickelte ihre Sprache dabei nicht unabhängig von der Musik, sondern berücksichtigte bereits beim Schreiben deren klangliche Möglichkeiten. Umgekehrt orientierte sich Henze in seiner Komposition eng an der sprachlichen Struktur ihrer Texte. Rhythmus, Satzbau und Klangfarbe der Sprache wurden zu wesentlichen Bestandteilen der musikalischen Gestaltung. Den Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit bilden die Oper Der Prinz von Homburg und Der junge Lord, die in den frühen 1960er Jahren uraufgeführt wurden. Grundlage war das gleichnamige Drama von Heinrich von Kleist und einmal eine Parabel von Wilhelm Hauff. Bachmann übernahm jedoch keine Originaltexte, sondern schuf jeweils eigenständige Libretti. Sie verdichtete die Handlung, reduzierte Nebenstränge und konzentrierte sich auf die psychologischen Konflikte der Figuren. Besonders interessierten sie Fragen nach individueller Freiheit, Macht, Gehorsam und persönlicher Verantwortung. Henze griff diese Spannungen musikalisch auf und entwickelte Partituren, die zwischen lyrischen Passagen, dramatischen Ausbrüchen und moderner Klangsprache changieren. Ziel war keine Illustration, sondern ein gleichberechtigter Dialog zwischen Sprache und Musik. Neben den großen Opernprojekten arbeiteten Bachmann und Henze auch an kleineren musikalischen Werken zusammen. Hierzu zählen mehrere Lieder sowie Texte für Kantaten und andere Vokalwerke, allen voran Nachtstücke und Arien, bis heute eines der bekanntesten und auch discografisch zugänglichsten Werke Henzes.
Obwohl sich ihre Wege aus den oben genannten Gründen in den späten 1960er Jahren allmählich voneinander entfernten, blieb die gegenseitige Wertschätzung bestehen. Nach Bachmanns Tod im Jahr 1973 erinnerte Henze wiederholt an ihre außergewöhnliche Begabung und bezeichnete sie als eine der bedeutendsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Rückblickend gilt die Kooperation zwischen Bachmann und Henze als außergewöhnlich, weil sie nicht auf einer klassischen Rollenverteilung beruhte. Beide Künstler beeinflussten sich gegenseitig in ihrem Denken und Arbeiten. Aus dem Dialog zwischen Literatur und Musik entstanden Werke, die bis heute zum festen Bestandteil des Opern- und Konzertrepertoires gehören und nicht selten als Einstiegsdroge in die moderne Musikwelt des 20. Jahrhunderts dienen.
Hans Werner Henze – Der Prinz von Homburg
Staatsorchester Stuttgart, Cornelius Meister
Label: Capriccio
Format: CD, DVD
Hans Werner Henze – Nachtstücke und Arien
Juliane Banse, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Marin Alsop
Label: Naxos
Format: CD, DL
Hans Werner Henze – Der junge Lord
Edith Mathis, Barry McDaniel, Orchester der Deutschen Oper Berlin, Christoph von Dohnanyi
Label: Medici
Format: DVD





