Atom Heart Mother, Pink Floyd

Pink Floyd – Atom Heart Mother

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Forever Young – 50 Jahre Album-Klassiker – Pink Floyd – Atom Heart Mother

Pink Floyd steckte in der kreativen Krise. Seit dem Abgang von Syd Barrett suchte man nach einer Gruppenidentität, einer konzeptionellen Richtung. Das Doppelalbum Ummagumma (Ende 1969) bedeutete schon eine halbe Kapitulation: Jedes Bandmitglied verantwortete eine Plattenseite, aber ein gemeinsames musikalisches Statement fehlte. Und nun, beim nächsten Album, schien es nicht besser zu werden. Man hatte ein Startmotiv, das David Gilmour „Theme From An Imaginary Western“ nannte, und die anderen Bandmitglieder brachten weitere Ideen ein. Die Sache wuchs planlos und schneeballartig – aber sie erbrachte nichts Ganzes. Die Band nannte es „The Amazing Pudding“. Frustriert übergab sie ihr Fragment an Ron Geesin und ging lieber erst einmal auf US-Tournee.

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Geesin war Komponist, Soundvisionär, Jazzfan, Elektronik-Pionier, Avantgardist. Er schrieb damals für Film und Fernsehen und den britischen Expo-Auftritt in Osaka. Seine Partitur für Pink Floyd („Untitled Epic“) war auf jeden Fall originell: Sie verlangte einen 16-köpfigen gemischten Chor, eine stolze Blechbläsergruppe und ein Solo-Violoncello. Bläser und Cello spielen die Thementeile. Der Chorabschnitt (etwa fünf Minuten) bewegt sich vom Ätherischen ins Dadaistische. Die Fantasiesprache der Chorsänger sei eine „Mischung aus Isländisch und Hitler“, meinte Geesin. Dann kommt das große Gilmour-Gitarrensolo (auch etwa fünf Minuten) zu funky Akzenten. Danach folgt ein spaciger Experimentalteil über einer Art Scheibenwischer-Geräusch der Orgel. Wegen einer technischen Umstellung in den Abbey Road Studios musste der Basistrack (Bass und Drums) am Stück gespielt werden. Dreiundzwanzigeinhalb Minuten. Es ist ein Longtrack ohne eigentlichen Songteil.

Später schien keiner so recht zufrieden damit. Die Musiker von Pink Floyd distanzierten sich von Atom Heart Mother, weil ihnen die Musik keine Perspektive für die Zukunft eröffnete. Geesin wiederum fand, dass das Album seiner Karriere schade, weil er nun mit Rockmusik in Verbindung gebracht würde. Die Fans allerdings honorierten den Longtrack, der selbst in der Blütezeit der progressiven Rock-Fantasien ein Extrem darstellte. Atom Heart Mother wurde Pink Floyds erstes Nummer-eins-Album im Königreich. Auch in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden: Top Ten. Gold in den USA, Platin in Italien. Die Band spielte das Werk bis 1972 rund 100 Mal live – mit oder ohne Bläser, mit oder ohne Chor. Auch das Philip Jones Brass Ensemble war mehrmals mit dabei.

Atom Heart Mother, Pink Floyd

Aufnahme: März bis August 1970

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Veröffentlichung: 2. Oktober 1970

Label: Harvest

Produktion: Pink Floyd + Norman Smith

Titel:

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  1. Atom Heart Mother 23:44
  2. If 4:31
  3. Summer ’68 5:29
  4. Fat Old Sun 5:22
  5. Alan’s Psychedelic Breakfast 13:00

Musiker:

David Gilmour, Gesang, Gitarren u. a.

Roger Waters, Gesang, Bass u. a.

Richard Wright, Gesang, Piano, elektrische Keyboards

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Nick Mason, Schlagzeug u. a.

 

Mitglieder des EMI Pops Orchestra (1)

Hafliði Hallgrímsson, Violoncello (1)

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John Alldis Chor, Gesang (1)

Alan Styles, Stimme, Geräusche (5)

 

  • Die Musiker von Pink Floyd hatten genug von ihrem Space-und-Drogen-Image. Sie wünschten sich für die Plattenhülle diesmal ein alltägliches Motiv – Lulubelle III hieß das Cover-Model. Bei EMI sah man den Entwurf und fragte nur: „Wollen Sie diese Plattenfirma vernichten?“
  • Den Titel fürs Album (und für das Hauptstück darauf) borgte man sich aus der Tageszeitung. „Atom Heart Mother“ stand dort in einer Überschrift – es ging in dem Artikel um eine Frau und ihren nuklear betriebenen Herzschrittmacher. Titel, Cover und Musik – sie passen bei diesem Album natürlich null zusammen, ein schlauer surrealer Effekt. Immerhin inspirierten Weidekuh und Atommutter einige Untertitel im Longtrack. „Breast Milky“ heißt der Teil mit dem Cello-Thema, „Mother Fore“ ist die Chor-Episode, „Funky Dung“ das Gitarrensolo.
  • Bei der Aufnahme des Titelstücks rebellierten die klassischen Bläser gegen Ron Geesins Avantgarde-Einfälle – sie verweigerten schlicht die Arbeit. Laut Auskunft mehrerer Beteiligter war Geesin kurz davor, einen Mord zu begehen. Der Chorleiter John Alldis übernahm im letzten Augenblick das Dirigat und rettete so die Situation.
  • Die B-Seite hat ihren ganz eigenen Charme. Waters, Wright und Gilmour teilten sich die Verantwortung, schrieben je eine Ballade und sangen sie jeweils selbst. Dreimal die schönste Hippie-Romantik. Am aufwendigsten wurde Wrights „Summer ’68“ mit Bläsereinsätzen – die einzige Single-Auskopplung des Albums. Im Konzert wurde das Stück allerdings nie gespielt.
  • „Alan’s Psychedelic Breakfast“, der Ausklang der Platte, ist ein kleines musikalisches Hörspiel, eine Sound-Collage. Wir hören Alan Styles, einen Roadie der Band, beim Frühstück. Knisternde Cornflakes, knisternde Pfanne, dazu Alans erwachender Morgenmonolog. Aus den Frühstücksgeräuschen entwickeln sich kurze instrumentale Musikepisoden. Ein psychedelischer Klassiker.

www.jpc.de

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